Dürfen NPO «politisch» sein?

Aktualisiert: 13. Feb.


Im Herbst 2018 wurde die Stiftungswelt von einem Artikel in der NZZ aufgeschreckt, in dem die Advocacy-Arbeit einer grossen Förderstiftung für die frühe Förderung von Kindern angegriffen wurde. Argument war, dass Förderer gesellschaftliche Problemthemen auf die Agenda brächten, und der Steuerzahler dann die Kosten für deren Behebung tragen müsse. Zwei Jahre später empörten sich wirtschaftsnahe Kreise darüber, dass Nonprofit-Organisationen (NPO) sich öffentlich für eine Annahme der Konzernverantwortungs-Initiative einsetzten. Dies sei nicht mehr gemeinnützig. Dies gipfelte in einer Motion im nationalen Parlament, dass man solchen Organisationen die Steuerbefreiung entziehen soll.


Doch über was genau wird hier diskutiert? Um dies genauer zu fassen haben wir, zusammen mit KEK - CDC aus Zürich, ein Grundlagenpapier erarbeitet, das letzte Woche in der Publikationsreihe des CEPS - Forschung & Praxis als Band 27; «Advocacy – die gesellschaftspolitische Arbeit von Nonprofit-Organisationen und Förderstiftungen» erschienen ist.


Kurzes Gedächtnis der Kritiker

Den Kritiken gesellschaftspolitischer Arbeit von Förderstiftungen und NPO ist gemeinsam, dass sie immer das Bild vermitteln, dass Advocacy-Arbeit eine neue Erscheinung sei. Nichts könnte falscher sein, ist ja das anwaltschaftliche Eintreten für eine Sache oder für Personen, die dies benötigen, der ureigene Zweck jeder NPO. Advocacy-Arbeit heisst genau dies: sich anwaltschaftlich für eine Sache einsetzen. Förderstiftungen und NPO definieren in ihrer Zweckbestimmung, für welche Sache sie sich einsetzen wollen, und dieses Ziel gilt es zu erreichen.


Seit der Gründung der modernen Schweiz 1848 spielen gemeinnützige Organisationen eine wichtige Rolle in allen gesellschaftlichen Bereichen der Schweiz. Errungenschaften wie das Verbot von Kinderarbeit, genossenschaftlicher Wohnungsbau, die AHV oder das Frauenstimmrecht sind ohne die Advocacyarbeit gemeinnütziger Organisationen nicht denkbar. Die letzten 25 Jahre zeigen kein Ansteigen der Advocacy-Tätigkeit von NPO, sondern eher das Gegenteil, nämlich den Rückzug vieler bedeutender Hilfswerke der Schweiz aus der politischen Debatte. Dies ist teilweise die direkte Folge des Wechsels von pauschaler Subvention zu Leistungsverträgen mit dem Bund und den Kantonen, in deren Vertragstext den NPO gesellschaftspolitische Tätigkeit teilweise explizit untersagt wird.


Hier füllen heute Förderstiftungen eine wichtige Lücke und nehmen dabei, wohl unbewusst, das Vorbild der bedeutendsten Förderorganisation dieses Landes, der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG, auf, die die Schweiz mit ihrer Advocacy-Arbeit über zwei Jahrhunderte ganz massgeblich mitgeprägt hat.


Der pragmatische Zugang

Aus Philanthropie-theoretischer Sicht ist die Diskussion sehr einfach. Jede Förderstiftung und jede operativ tätige NPO hat die Aufgabe, ihr im Zweck definiertes Ziel zu erreichen, sei dies «Bekämpfung von Armut», «saubere Meere» oder «transparente Politik». Für die zielführende Arbeit der Organisation stehen sechs Interventionsfelder zur Verfügung.



Eigene Darstellung


Die Möglichkeiten der Intervention beginnen bei der Forschung (Feld 1), um über ein Thema genügend Wissen zu haben, gehen weiter zur Projektarbeit mit Projektentwicklung, Ausbreitung und Sicherung (Felder 2, 3 und 4) und enden bei gesellschaftlicher Meinungsbildungsarbeit mit Advocacy und Netzwerk-Arbeit (Felder 5 und 6). Der Erfolg der Arbeit wird an der Erreichung des gesetzten Ziels gemessen. Zeichnet sich ab, dass Advocacy-Arbeit dabei hilfreich oder notwendig wäre, sollte die NPO dies auch nutzen.


Die Fallstudie zur Arbeit der Jacobs Foundation, die zentraler Teil der Publikation ist, zeigt, wie Advocacy-Arbeit aus den vorausgehenden Interventionen entstehen kann. Investiert man in Forschung, werden nach eine gewissen Zeit Resultate auf dem Tisch liegen. Daraus entstehen Lösungsansätze, die nun in Projekten geprüft werden müssen. Zeigt sich, dass ungünstige Rahmenbedingungen ein wesentlicher Teil der Problemstellung sind, kann eine Förderstiftung oder eine NPO kaum vermeiden, dass man versucht, diese Bedingungen zu ändern. Die Veränderung ungünstiger Rahmenbedingungen ist das erklärte Ziel von Advocacy-Arbeit.


Aber was beinhaltet eine Advocacy-Arbeit?

Verfolgen wir die Debatten, dann scheinen die einzelnen Exponenten ganz unterschiedliche Vorstellungen zu haben, was denn unter Advocacy-Arbeit zu verstehen sei. Die einen setzen den Begriff deckungsgleich mit Lobbyismus im Parlament ein, für die anderen ist schon ihr Newsletter «anwaltschaftlich». Die Publikation versucht, präzise Grenzen zu ziehen und benennt zwanzig direkte und indirekte Werkzeuge der Advocacy-Arbeit, die auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen ansetzen und anderen Mechanismen unterworfen sind.

Drei Erkenntnisse aus der Fallstudie sind hier bemerkenswert:

  • Advocacy-Arbeit braucht Durchhaltevermögen, die Änderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen geht nicht von heute auf morgen - die erste Volksinitiative zum Frauenstimmrecht wurde 1929 eingereicht. Es müssen nicht gerade 50 Jahre sein, aber mit einer Plakatkampagne ist es sicher nicht getan.

  • Wie bei den anderen Interventionsfelder «Forschung» oder «Projektarbeit» braucht auch Advocacy spezifisches Wissen im Team – und auch im Stiftungsrat oder Vereinsvorstand. Bereiten Sie sich seriös vor, denn als Konsequenz aus Punkt eins sollte man diese Arbeit «inhouse» leisten. Über Jahre ein PR-Büro zu engagieren ist aus unserer Sicht keine Option, höchsten eine punktuelle Ergänzung.

  • Netzwerkarbeit ohne Advocacy-Ziele geht, aber Advocacy-Arbeit ohne ein starkes Netzwerk geht nicht. Advocacy-Arbeit ist keine profilierungsneurotische Einzeltat, sondern ganz und gar die Umsetzung des SDG 17 «Partnership for the Goals». Investieren Sie vom ersten Moment an Zeit und Energie in Netzwerke, Allianzen und Partnerschaften.

Die Publikation können Sie >hier kostenlos downloaden.

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